Pressemitteilung | Nordrhein-Westfalen

„Insights“-Fachtagung

Seminarsituation

„Insights“-Fachtagung: Kinder von Psychose-Erkrankten

„Wenn Mama wieder verrückte Sachen macht“

Bielefeld-Bethel. „Meine Kinder sind mein Ein und Alles. Aber wenn ich einen Wahn habe, vergesse ich sie über mehrere Stunden.“ Diese Aussage einer Psychose-Erkrankten Frau lässt bereits erahnen, wie heikel und belastend die Erkrankung nicht nur für die Patienten selbst sein kann, sondern auch für ihre Kinder. Und die Zahl der betroffenen Kinder ist hoch: Etwa 270.000 Kinder in Deutschland haben einen an Schizophrenie oder Psychose erkrankten Elternteil.

Gleich zu Beginn ihres Vortrages bei der 11. „Insights“-Fachtagung der Fachhochschule der Diakonie, die jetzt im Haus Groß-Bethel stattfand, spielten drei Studierende Aussagen von Psychose-Erkrankten und ihren Kindern ein. Diese veranschaulichen, dass Psychosen das gesamte Umfeld der Betroffenen beeinträchtigen – und hier ganz besonders die Kinder. „Die Vergessenen!? – Kinder von Psychose-Erkrankten“ lautete der Titel des Vortrags der Gesundheits- und Krankenpflegerinnen Carolin Schröer und Giulia Dachs aus dem AMEOS Klinikum Osnabrück und Johanna Stark von der LWL Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marsberg.

„Keiner sagt mir, was die mit meiner Mama im Krankenhaus machen“; „Voll peinlich, was Papa immer macht – und alle gucken“; „Wenn Mama wieder verrückte Sachen macht, verstecke ich mich“ –  Solche Sätze zeigen: Viele Kinder wissen nicht, wie sie mit der Erkrankung ihrer Eltern umgehen sollen.  „Sie sind verunsichert und verstehen die Erkrankung nicht. Darum ist es wichtig, sie in die psychiatrische Behandlung zu integrieren“, sagte Johanna Stark bei der Fachtagung des Studiengangs Psychische Gesundheit/Psychiatrische Pflege, die im Haus Groß-Bethel in Bielefeld-Bethel stattfand.

Die Erkrankung der Eltern habe oft verheerende Auswirkungen auf die Kinder, das belegten aktuelle Studien, so Johanna Stark. Jedes zweite betroffene Kind werde im Laufe seines Lebens selbst psychiatrisch auffällig, oft schon im frühen Kindesalter. Kritisch sei, dass rund 30 Prozent aller an Psychose erkrankten Eltern keine professionelle Hilfe suchten. „Sie haben Angst vor einem möglichen Sorgerechtsentzug oder vor Stigmatisierung. Viele halten ihre Erkrankung aus Scham- und Schuldgefühlen geheim“, so Johanna Stark.

Dabei gebe es in der Erwachsenen-Psychiatrie mittlerweile eine Reihe an Interventionsmöglichkeiten für betroffene Eltern und ihre Kinder, informierte Carolin Schröer. Dazu gehöre die Beziehungsgestaltung. Die Elternschaft und damit verbundene Sorgen würden bewusst thematisiert. „Dadurch entsteht Vertrauen“, sagte die Studentin. Helfen könne auch ein Krisenplan, der gemeinsam während einer stationären Behandlung erstellt werde. Darin werde das Vorgehen für den Fall einer psychischen Krise festgehalten: Welche Angehörigen sollen kontaktiert werden? Und wer kümmert sie um die Kinder? „Das verhindert eine Überforderung der Betroffenen“, so Carolin Schröer.

Bei der so genannten „Rooming-In“-Methode wird der Therapiezugang vereinfacht: Kinder können mit auf die Station und begleiten die Therapie. Für die Therapeutin sei es dadurch einfacher Probleme in der Elternschaft zu erkennen und Unterstützung anzubieten. Die Methode sei allerdings nicht für alle stationären Angebote geeignet, räumte Carolin Schröer ein.

Die „Insights“-Tagung wurde von Studierenden des Studiengangs Psychische Gesundheit/Psychiatrische Pflege durchgeführt. Zu den Themen der 17 Vorträge gehörten auch die Versorgung psychisch erkrankter Menschen in der Forensik und von Menschen in der Gerontopsychiatrie.

Bildtext:

  • Die Auswirkungen der Psychose-Erkrankung von Eltern auf ihre Kinder (v. l.) haben Giulia Dachs, Carolin Schröer und Johanna Starke veranschaulicht.

Foto: Thomas Richter

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