Pressemitteilung | Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz

Wie Bethel nach der Hochwasserkatastrophe Hilfe im Ahrtal leistet

Es stehen vor einem Bethel-Banner Ulrike Dobrowolny, von links, Christian Falkenstein, Christa Kosmala und Claudia Hoffmann bilden das Team der Trauma- und Trauerkoordination in Bad Neuenahr-Ahrweiler

​​​​​​​Die schwerste Zeit für die Flutopfer kommt erst noch

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Ein Hochwasser verwüstete im Juli 2021 Bad Neuenahr-Ahrweiler. Der Wiederaufbau der rheinland-pfälzischen Stadt und der ebenfalls betroffenen umliegenden Orte wird Schätzungen zufolge etwa zehn Jahre in Anspruch nehmen. Doch es sind nicht nur zerstörte Gebäude und Straßen, die erneuert werden müssen. Auch der Bedarf an seelischer „Reparaturarbeit“ ist immens, schließlich haben manche Menschen in der Flut alles und sogar ihre Liebsten verloren. Der Krieg in der Ukraine und die Corona-Pandemie vergrößern ohnehin vorhandene Ängste. Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, in Bad Neuenahr-Ahrweiler mit einem Hospiz und einem Inklusionshotel vertreten, unterstützen vor Ort den Aufbau einer Trauma- und Trauerkoordination.

„Ich gehe davon aus, dass im Ahrtal rund 4.000 der etwa 50.000 von der Flut betroffenen Menschen an einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden“, sagt der Diplom-Psychologe und Psychologische Psychotherapeut Christian Falkenstein, der seit dem 1. Februar dem Team der neuen Trauma- und Trauerkoordination angehört. Psychotherapeutische Versorgung ist also dringend erforderlich – zumal zwei psychiatrische Fachkliniken in Bad Neuenahr-Ahrweiler vom Hochwasser zerstört wurden.

In den ersten Monaten nach der Flut waren die Betroffenen mit Aufräumarbeiten beschäftigt, danach bemühten sie sich um Heizungen und warme Kleidung. „Sie haben einfach funktioniert. Aber jetzt kommen manche der verdrängten Probleme erst so richtig hoch“, weiß Ulrike Dobrowolny. Sie ist die Vorsitzende des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr, an den das neue Trauma- und Trauer-Angebot angebunden ist. „Es ist wie beim Tod eines geliebten Menschen: Der echte Tiefpunkt kommt bei vielen etwa neun Monate nach dem Ereignis. Das heißt: Die schwerste Zeit steht uns noch bevor.“

Christian Falkenstein schult mit seiner Kollegin Christa Kosmala das Personal von Pflegeeinrichtungen für den Umgang mit Betroffenen. Sie bieten zudem Supervisionen für selbst betroffene Fachkräfte an. „Es geht darum, diesen Menschen ein Partner zu sein, der ihnen hilft, Empathie für sich selbst zu aktivieren“, verdeutlicht Christa Kosmala. „Damit sie sich wieder erlauben, erschöpft zu sein, zu weinen. Sie müssen lernen, auf sich selbst zu achten. Denn nur wer das tut, kann auch anderen helfen.“ Sich dabei auf Multiplikatoren zu beschränken sei nur realistisch, betont Christian Falkenstein: „Wir haben nicht die Kapazitäten, uns persönlich jedem Einzelnen zu widmen.“

Manche Opfer würden von ihrem Umfeld mit der unrealistischen Erwartungshaltung konfrontiert, ein halbes Jahr nach der Flut endlich zurechtkommen zu müssen, berichtet Christian Falkenstein. Die Pandemie verstärke alle ohnehin vorhandenen Schwierigkeiten. „Die Betroffenen erleben ständige Wiederbelastungen“, weiß der Psychologe. „Ihr Gefühl ist: Man steckt gerade den Kopf aus dem Schlamm, und sofort bekommt man wieder einen drauf.“

Zudem stehen viele Betroffene vor Herausforderungen wie etwa komplizierten Versicherungsanträgen. Auch hierfür bietet Bethel konkrete Hilfe an: Mitarbeitende mit Zuständigkeit für soziale Beratung und finanzielle Hilfen sind im gesamten Ahrtal unterwegs. Gerade ältere Menschen tun sich erfahrungsgemäß schwer, Formulare auszufüllen und notwendige Unterlagen zusammenzustellen. Die mobilen Helfer schauen mit den Betroffenen, welche Schäden Versicherungen und das Land übernehmen können. Pro Haushalt stehen zudem bis zu 5.000 Euro aus Spendengeldern der Diakonie zur Verfügung. „Dieses Geld aus den Haushaltsbeihilfen ist für Haushaltsgeräte und Baumaschinen vorgesehen, um den Wiederaufbau leisten zu können“, erläutert Bethel-Mitarbeiter Stephan Zöllner.

Der Schwerpunkt der neuen Trauma- und Trauerkoordination liegt auf der Hilfe für Helfende im Seniorenbereich. „Das ist schließlich das, womit wir uns im Hospiz gut auskennen“, erläutert Ulrike Dobrowolny. Zur Finanzierung tragen neben Bethel auch der Verein Apotheker Helfen, der Deutsche Hospiz- und Palliativverband und die Deutsche Hospiz- und Palliativstiftung bei.

Bildtexte

  • Ulrike Dobrowolny (v. l.), Christian Falkenstein, Christa Kosmala und Claudia Hoffmann bilden das Team der Trauma- und Trauerkoordination in Bad Neuenahr-Ahrweiler.
  • Der Systemische Organisationsentwickler Stephan Zöllner unterstützt Betroffene im Umgang mit Versicherungen und Behörden.
    Fotos: v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel