Menschennah | Geschichten aus Bethel

„Musik tut meiner Seele gut!“

„Yesterday“, der „Beatles“-Ohrwurm aus den 1960er-Jahren, klingt über die langen Flure einer ehemaligen Grundschule in Bielefeld-Quelle. Die Tür zum Probenraum der inklusiven Rock- und Popband „Rocketstars“ ist nur angelehnt, und die Musiker an E-Gitarre, Schlagzeug und Mikrofon geben leidenschaftlich alles. Auch Simone Schulz, die an ihrem Keyboard die Streicher nachahmt, ist hoch konzentriert.

Die 45-jährige Autistin braucht keine Noten. Töne und Melodie hat sie verinnerlicht, ihre Finger gleiten sicher über die Tastatur. Die Proben mit den „Rocketstars“ sind ein Wochen-Highlight für Simone Schulz, nicht nur, weil sie das Musizieren liebt. „Es tut meiner Seele gut“, erzählt sie. Klavier- und Keyboardspielen entspannten sie. „Wenn ich mich ärgere, nervös oder aufgedreht bin, hilft mir das Musizieren. Ich bin dann nicht mehr so hibbelig.“

Die Wirkung ist so stark, dass Simone Schulz sogar in ihrer Werkstatt Klavier spielen darf, um „runterzukommen“. Ein Piano steht in der Lobby der Werkstatt am Bullerbach – sehr zur Freude der anderen Beschäftigten, die sich so über kostenlose Konzerte freuen dürfen.

»Wenn ich mich ärgere, nervös oder aufgedreht bin, hilft mir das Musizieren. Ich bin dann nicht mehr so hibbelig.«
Simone Schulz

Selbstständiger in der eigenen Wohnung

Vor den Proben mit den „Rocketstars“ hat Simone Schulz im Raum gegenüber noch Klavierunterricht bekommen. Beides sind Angebote des Musicus e.V. – einer Musik- und Kunstschule zur Förderung von Menschen mit und ohne Behinderung. Die Mutter von Simone Schulz ist Zweite Vorsitzende des Vereins. Früh hat Berta Margarete Huldt erkannt, dass ihre Tochter musisch begabt ist und sie entsprechend gefördert. „Kunst und Musik helfen ihr auch, ihre Gefühle auszudrücken. Das ist bei vielen autistischen Menschen so, die das verbal nicht so gut können“, erklärt sie.

Simone Schulz wohnte lange bei ihrer Mutter. Intensiv übte sie, ihren Alltag möglichst selbstständig zu bewältigen – mit zunehmendem Erfolg. Vor einem halben Jahr schaffte sie den Sprung in ein eigenes Apartment, in dem sie von Bethel ambulant betreut wird. Sie geht beispielsweise allein einkaufen. „Das klappt mittlerweile schon ganz gut“, findet sie. Auch zu ihren Proben und zum Klavierunterricht kann sie alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Nur der Umgang mit Geld falle ihr manchmal schwer, räumt sie ein.

Simone Schulz ist in vielen Bereichen kreativ. In ihrer Werkstatt ist sie in der Keramik-Abteilung beschäftigt. Dort bemalt sie mit Vorliebe Tassen, Uhrenteller und Sparschweine. Auch zu Hause nutzt sie jede Gelegenheit zum Gestalten. Dann greift sie vor allem zum Pinsel und malt Aquarellbilder. Außerdem gehört sie zum Ensemble der inklusiven Betheler Theatergruppe „Götterspeise“.

 

Text: Gunnar Kreutner | Fotos: Paul Schulz

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Simone Schulz ist Autistin. Sie ist 45 Jahre alt. Und sie spielt ein Instrument: Keyboard. Simone Schulz spielt in einer Band. Diese Band heißt „Rocketstars“. Das Musizieren beruhigt Simone Schulz. Sie sagte: „Musik tut meiner Seele gut.“ Simone Schule arbeitet in einer Betheler Werkstatt. Hier steht ein Klavier an dem sie in den Pausen spielt.

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