Wenn jemand ihn provozierte, schlug er zu. Gewalt war oft die einzige Antwort, die Mohamed hatte. Der junge Syrer, der als Kind vor dem Krieg in seinem Heimatland floh und heute in Bielefeld lebt, drohte als Jugendlicher auf die schiefe Bahn abzurutschen. Das hat er mit der Hilfe von „Kurve kriegen“ vorerst vermieden. „Kurve Kriegen“ ist eine Initiative des Landes Nordrhein-Westfalen, in der die Polizei in Bielefeld mit Bethel zusammenarbeitet. Für dieses Angebot ist Mohamed sehr dankbar, er sagt: „Durch ,Kurve kriegen‘ habe ich das Leben und den Umgang mit anderen Menschen neu gelernt.“
Bethel - Mohamed kriegt die Kurve

Mohamed ist drei Jahre alt, als er mit seinen Eltern und sieben Geschwistern aus seinem Heimatland flüchtet. „Ich habe an Syrien nur eine Erinnerung: wie direkt vor mir ein Mann erschossen wurde“, erzählt er. Über Libanon gelangt die Familie nach Bielefeld, als Mohamed sieben Jahre alt ist. In der Grundschule erlebt der Junge Ausgrenzung, weil er nicht Deutsch spricht. Er schlägt zu. Heute, als 18-Jähriger, sagt Mohamed über diese Zeit: „Ich wusste mir gegen die Kinder, die mich geärgert haben, nicht anders zu helfen. Mit Worten konnte ich mich nicht verteidigen. Als der Lehrer fragte, was los ist, konnten die anderen ihm antworten. Ich nicht. Ich war verzweifelt.“ An der weiterführenden Schule werden die Probleme immer größer. Zweimal wird gegen Mohamed Strafanzeige wegen Gewaltdelikten erstattet, er steht kurz vor einer Entlassung von der Schule. Mohamed ist jetzt 14, damit strafmündig und im Begriff, die Perspektive für sein späteres Leben zu zerstören. Die Wende gelingt, als die Polizei Mohameds Eltern das Projekt „Kurve kriegen“ vorstellt. „Ich glaube, das ist genau das Richtige für meinen Sohn“, sagt der Vater.
Bei „Kurve kriegen“ in Bielefeld arbeiten Bethel und die Polizei eng zusammen. Das Team bilden die pädagogischen Fachkräfte Marc Hagelmann und Elena Brinkmann von Bethel.regional sowie Frank Walther und Petra Kürten von der Polizei. Gemeinsam möchten sie Kinder und Jugendliche davor bewahren, in die Kriminalität abzugleiten. „Unser Motto ist: frühe Hilfe statt späte Härte“, verdeutlicht Marc Hagelmann. Nachdem er Marc Hagelmann kennengelernt hat, nimmt Mohamed drei Jahre lang an wöchentlichen Einzelcoachings mit einem ausgebildeten Deeskalationstrainer teil. In Gesprächen und Rollenspielen ergründen sie Mohameds Verhalten und erarbeiten Techniken für den Umgang mit Provokationen und Konflikten. „Ich kann ,Kurve kriegen‘ nur empfehlen. Ich habe da gelernt, auch in schwierigen Situationen selbstbewusst zu sein, mich nicht in eine Opferrolle zu begeben und auf gar keinen Fall zu schlagen, sondern die Polizei zu rufen“, berichtet Mohamed. „Heute verstehe ich, dass es falsch war, mit Gewalt zu reagieren.“

»Heute verstehe ich, dass es falsch war, mit Gewalt zu reagieren.«
Nach dem Hauptschulabschluss im Sommer 2025 beginnt Mohamed in einem Autohaus mit einer Einstiegsqualifizierung (EQ), einem sozialversicherungspflichtigen Langzeitpraktikum für Jugendliche und junge Erwachsene, das als Brücke in die Berufsausbildung dienen soll. KFZ-Mechatroniker ist sein Traumberuf. Doch er bricht die EQ ab, weil er schlechte Erfahrungen mit Kollegen macht. Marc Hagelmann ist jetzt wieder eng an seiner Seite, damit Mohamed wirklich die Kurve kriegt. Der Bethel-Mitarbeiter nutzt seine guten Kontakte zur Agentur für Arbeit und zu anderen Netzwerkpartnern, um für ihn eine neue berufliche Perspektive zu finden. „Ich bin offen, ich möchte etwas lernen“, sagt Mohamed. „Ich wünsche mir sehr, dass ich einen Beruf finde, der zu mir passt und den ich liebe.“
Text: Philipp Kreutzer | Bild: Matthias Cremer
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Mohamed ist 18 Jahre alt. Er kommt aus Syrien. Als Kind flüchtete er vor dem Krieg nach Deutschland. Hier kam er erst nicht gut zurecht. Manchmal schlug er andere Kinder. Die Polizei zeigte ihm das Projekt „Kurve kriegen“. Es ist von der Polizei und Bethel. Dort bekommt Mohamed Hilfe. Er hat verstanden, dass Gewalt keine Lösung ist.
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Kontakt
Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen
Kriminalprävention und Opferschutz, Kriminalpräventive Landesprojekte
Friedrichstraße 62
40217 Düsseldorf
Telefon: +49 (0) 211 871 3313
E-Mail: kurvekriegen(at)im.nrw.de
Angebote & Leistungen
Die Teilnahme an „Kurve kriegen“ ist freiwillig und kostenfrei, es besteht Vertraulichkeit. Pro Teilnehmer oder Teilnehmerin stellt das Land Nordrhein- Westfalen ein jährliches Budget von 11.000 Euro zur Verfügung, aus dem die Hilfen für die Kinder und Jugendlichen sowie die Gehälter der pädagogischen Fachkräfte finanziert werden.
