Manuela Jokisch hat viele kreative Talente. Eins davon ist das Malen. „Wie das eigentlich mit meiner Sehschwäche geht? Ich habe die Bilder in meinem Kopf!“, erklärt sie. „Ich muss sie dort abspeichern, weil ich sie nicht so ansehen kann wie ein gesunder Mensch.“ Auf einem Auge erkennt die gebürtige Berlinerin nur noch hell oder dunkel, auf dem anderen hat sie eine Sehstärke von fünf bis zehn Prozent. „Ich muss fragen, welcher Gegenstand, den ich kenne, diejenige Farbe hat, die ich für mein neues Bild brauche.“ Eine große Unterstützung ist ihr dabei Kunsttherapeutin Janna Ressel. Regelmäßig kommt diese für ein Kreativangebot in das Lobetaler Wohnheim in Dreibrück, in dem Manuela Jokisch seit September 2024 lebt.
In einem lichtdurchfluteten Wintergarten bietet die Therapeutin den Bewohnerinnen und Bewohnern an drei Nachmittagen in der Woche Gelegenheit zum Malen und Zeichnen. Manuela Jokisch ist die treueste Besucherin dieses Angebotes. Sie genießt insbesondere die frühen Nachmittagsstunden, in denen die beiden Frauen meist allein miteinander sind, weil viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer erst nach ihrem Arbeitstag eintreffen. „Es ist ganz schlimm für mich, wenn mal so ein Nachmittag ausfällt. Ich bin einfach darauf eingestellt“, sagt die 56-Jährige.

»Ich habe viel Wissen aufgesaugt und gespeichert, das ich jetzt mit meinen Bildern weitergeben kann.«
„Wir haben eigentlich nie groß darüber geredet, was und wie Frau Jokisch malen kann. Ich habe ihr die Materialien zurechtgelegt, bei der Einrichtung des Arbeitsplatzes geholfen und dann hat sie sofort losgelegt“, erzählt Janna Ressel. Die Themenpalette der Frau mit Sehschwäche ist so bunt wie das Leben selbst: Und hat viel mit den drei Quellen zu tun, aus denen sie ihr Wissen schöpft. „Dadurch, dass mir jemand vorliest, von Hörbüchern und aus Fernsehen und Rundfunk habe ich viel Wissen aufgesaugt und gespeichert, das ich jetzt mit meinen Bildern weitergeben kann.“ So entstehen Werke, die ebenso detailverliebt wie symbolisch sein können.
Unter dem Arbeitstitel „Körperwelten“ fasst Janna Ressel jene Bilder von Manuela Jokisch zusammen, die die Anatomie des Menschen und das Wirken seiner Organe darstellen, viele davon unheimlich fein ziseliert, von fast fotografischer Schärfe. Beim Malen hält sie aufgrund ihres Handicaps den Kopf nur wenige Zentimeter über dem Papier, sie arbeitet schnell und hochkonzentriert. Auch lange Linien bringt sie ohne Lineal oder Schablone, quasi freihändig, gerade auf den Malgrund. Sie wählt aus gut 50 verschiedenen Filzstiften aus. Mit Bunt- oder Wachsstiften käme sie nicht klar, dafür setzt sie den Stift zu kräftig auf das Papier.
Manuela Jokisch wurde 1969 in Berlin-Charlottenburg geboren und wuchs im Märkischen Viertel in Berlin-Reinickendorf auf. In der Familie erlebte sie als Kind durch ihren Vater viel Gewalt. Aus gesundheitlichen Gründen war sie in der Augenklinik Dauerpatientin. Mehrere Entzündungen und Ablösungen nahmen ihr den Großteil ihres Augenlichts. Als ihre sich um sie sorgende Mutter, die wichtigste Person in ihrem Leben, 2021 verstarb, kam sie nacheinander in mehreren Berliner Wohngruppen unter. Das Problem: Der dortige Betreuungsschlüssel und die Altersmischung passten nicht zu ihr. Man suchte eine Lösung mit „24/7-Betreuung“. Sie fand diese in Dreibrück.
Wer Manuela Jokisch heute so konzentriert arbeiten sieht, der kann sich nur schwer vorstellen, dass sie ihr Maltalent erst im Frühling des vergangenen Jahres entdeckte. Die Eingewöhnung in dem Wohnhaus in Dreibrück hat bei ihr gedauert. „Da muss man auf Leute zugehen. Das ist eigentlich nichts für mich, ich habe immer lieber gewartet, bis jemand auf mich zukommt“, gesteht sie. Umso wichtiger ihr Schritt, sich einfach mal auf das Kreativangebot von Kunsttherapeutin Janna Ressel einzulassen.
Neben der Kunst, liebt Manuela Jokisch auch Musik. Über Songtexte hat sie sich selbst die englische Sprache beigebracht. „Sie hat einen riesigen Wissensfundus“, kommentiert Kunsttherapeutin Janna Ressel anerkennend. Bei einem Karaoke-Auftriff auf einem Fest habe sie viele überrascht. Seit einiger Zeit pflegt Manuela Jokisch ein weiteres kreatives Hobby: Sie strickt.
Text: Andreas Gerlof | Fotos: Raimund Müller
Diese Geschichte einfach gesprochen
Manuela Jokisch kann schlecht sehen. Trotzdem ist Malen ihr Hobby. Ihre Nasenspitze berührt dabei fast das Papier. Ganz nah kann sie besser gucken. Mit Filzstiften entstehen bunte Bilder. Eine Kunsttherapeutin unterstützt sie. Die Therapeutin besucht Manuela Jokisch im Betreuten Wohnen. Das Haus in Dreibrück gehört zu Bethel.
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- auf Wunsch Urlaubsfahrten




