Benno sitzt auf dem Holzbänkchen vor dem Klassenzimmer der „Nasenbären“ und soll Puschen anziehen. Jonte liegt drinnen auf dem Sofa. Es stört ihn nicht, dass neben ihm ein Eimer mit Legosteinen ausgekippt wird. Mädchen flitzen über den Flur. Kichern. Ganz schön was los in der Mamre-Patmos-Schule in Bielefeld-Bethel. Wolfgang Spode hat alles im Blick. Er ist Lehrer an der Förderschule und gehört, wie er selbst scherzt, quasi zum Inventar. So wie ein „unverwüstlicher Sessel“ sei er, der mal hier und mal dort stehe, je nachdem wo er gerade gebraucht werde. Längst könnte „Herr Spode“, wie ihn die Kinder rufen, sein Leben als Rentner genießen, doch das reizt den 74-Jährigen nicht. „Der Kontakt zu den Schülern lädt meinen Akku auf!“, sagt er. Und das sieht man. Sportlich gekleidet ist er, mit Cargohose, kariertem Hemd, vielen Bändchen um das Handgelenk und Barfußschuhen. Ein aufrechter Gang und ein warmherziges Lächeln.
Am liebsten unterrichtet er in der Unterstufe. „Da kommt die böse Welt noch nicht vor“, sagt er. Glücklich ist er, wenn alle Kinder begeistert dabei sind. Doch es werde immer schwieriger, den Unterricht so zu gestalten, dass alle Schülerinnen und Schüler von einem Thema profitierten. „Immer mehr Kinder mit ausgeprägten Autismus-Spektrum-Störungen kommen an die Schule“, sagt der Pädagoge. Er ist überzeugt: „Unsere Welt auf diese Kinder zu übertragen, funktioniert nicht. Wir müssen versuchen, in ihre Welt einzutauchen, damit ein Kontakt entsteht.“ Etwa zu Paula. Die Neunjährige ist voller Unruhe. Sie schnalzt laut mit der Zunge. Sitzt kurz. Steht auf. Geht. Klatscht. Unentwegt. Wolfgang Spode greift ihr Klatschen auf, bis ein Rhythmus entsteht, und für einen Moment hält Paula inne. Auch auf die Gitarre oder das Klavier reagiert sie. Behutsam drückt sie eine Taste. Ihr Lehrer geht mit einer Melodie darauf ein.
Schon früh hat Wolfgang Spode einen guten Draht zu Menschen mit Behinderungen gefunden. 1972 begann er seinen Zivildienst in Bethel. Während seines Studiums zum Grund- und Hauptschullehrer jobbte er auf einer Station für Menschen mit Behinderungen im Krankenhaus Mara II. Um anschließend an der damaligen Patmos-Schule für Kinder mit schweren Behinderungen unterrichten zu können, absolvierte er noch berufsbegleitend ein Studium der Sonderpädagogik.

„Unsere Welt auf diese Kinder zu übertragen, funktioniert nicht. Wir müssen versuchen, in ihre Welt einzutauchen, damit ein Kontakt entsteht.“
Seither hat seine Gitarre eine besondere Bedeutung. Er erinnert sich an ein Mädchen, das die ganze Zeit schrie: „Wenn ich aber auf der Gitarre gespielt habe, legte sie ihren Kopf auf den Klangkörper und wurde ganz still.“ In Morgenkreisen, bei Veranstaltungen oder in der Einzelförderung: Das Instrument gehört zu ihm wie Musik in sein Leben. „Ich habe immer Melodien im Kopf. Wenn ich aufwache, sind Lieder da, von den Dubliners, Johnny Cash, Drafi Deutscher.“ Wolfgang Spode ist im Stiftungsrat von „Kinder brauchen Musik“ des Liedermachers Rolf Zuckowski – der mit der „Weihnachtsbäckerei“. Und in der Freizeit kümmert er sich nicht nur um seine Enkelkinder, er macht auch Zirkus. „Turbolino“ heißt das Projekt, dass er zusammen mit seiner Frau Julia Wohlers bestreitet. Auch sie unterrichtet an der Schule. Vor drei Jahren haben die beiden geheiratet. „Turbolino“ ist Jonglage. Clownerie. Zauberei. Interaktiv, immer aktiv. Bremst Wolfgang Spode das Alter denn gar nicht aus? Er lacht und sagt: „Doch. Ich fahre jetzt mit Helm und E-Bike. Und beim Mountainbiken bin ich weniger halsbrecherisch.“ Gut so! Denn wer weiß, vielleicht wird sein Arbeitsvertrag 2029 nochmal verlängert…
Text: Heike Lepkojis | Bild: Sarah Jonek
Diese Geschichte einfach gesprochen
Wolfgang Spode arbeitet als Lehrer an der Mamre-Patmos-Schule. Das ist eine Förderschule für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen. Die Arbeit gefällt Wolfgang Spode sehr. Besonders gerne macht er mit den Kindern Musik. Er könnte in Rente gehen. Er ist schon 74 Jahre alt. Doch e macht weiter. Er wird gebraucht. Und die Kinder sind ihm wichtig.
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Mamre-Patmos-Schule
Maraweg 29
33617 Bielefeld
Tel.: 0521 1443674
Email: mamre-patmos-schule@bethel.de
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Die Mamre-Patmos-Schule ist eine Förderschule in der Trägerschaft der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. In unserer Schule leben und lernen etwa 230 Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf im Bereich der geistigen Entwicklung und der körperlichen und motorischen Entwicklung (hier auch im Bildungsgang Lernen).
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