Dirk Hentschel schreibt wieder
Im Gewimmel auf dem Rüdnitzer Christopherus-Hof fällt der schmächtige Mittvierziger kaum auf. Sachlich und zurückhaltend erzählt er über sein Leben, wie es war, bis er im Januar 2023 hier ankam. Emotionaler wird es, wenn er davon berichtet, wie es zukünftig werden soll.
Zur Geschichte: Er wuchs in Hannover auf und kam 1999 nach Berlin – zu „Synanon – Leben ohne Drogen“. Das Motto des Vereins war auch in den Jahren danach für ihn nicht Wirklichkeit geworden. Er nimmt kein Blatt vor den Mund: „Ich habe einfach viel Scheiße gebaut", fasst er eine Lebensphase zusammen, in der er nur kurze drogenfreie und „trockene“ Episoden hatte, mehrfach kriminell und bestraft wurde. Im Krankenhaus des Maßregelvollzugs arbeitete er seine eigene Lebensgeschichte 2016 mit einer Kurzgeschichte auf, findet Formulierungen über den Gefängnisalltag aus ganz individueller Sicht, ironisiert schon in der Überschrift „Another day in Paradise“ eigene Gemütslagen. Bis zu seiner Ankunft in Rüdnitz am 8. Januar 2023 war ihm nicht nach einer Fortsetzung der Story.

Platinen statt Plattitüden
Kritisch beäugte er damals den Christopherus-Hof, erinnert er sich. Was ihm von Anfang an gefiel war die gute Anbindung des Ortes mit Bus und Bahn. Und die Leute hier fand er nett, war schnell motiviert, mit anzupacken. Parallel zur Arbeitstherapie bemühte er sich in seinem ersten Rüdnitzer Jahr schon um eine berufliche Rehabilitation. Endgültig startete die im Berliner Berufsförderungswerk in Westend im November 2024. Nach insgesamt 28 Monaten will er dort einen Abschluss als „Elektroniker für Geräte und Systeme“ machen. „Da geht’s um alles, was Platinen hat“, erläutert er. Und hat Respekt vor den ersten Abschlussprüfungen und der dann beginnende Ausbildung in digitaler Technik.
Ein Gefühl von zu Hause
Wenn nicht gerade Ferien sind, dann verlässt er Rüdnitz von Montag bis Freitag gegen 6.30 Uhr und ist meist erst zwischen 17 und 18 Uhr zurück. Dass er sich die anstrengenden Wege und Ausbildungsstunden überhaupt zutraut, hat viel damit zu tun, dass er sich auf dem Christopherus-Hof zu Hause fühlt. „Hier gehen die Uhren anders, es ist total friedlich, anders als in der Großstadt. So ein zu Hause gibt mir Kraft. Ich verbringe oft meine Wochenenden hier.“
Dieses Wohlfühlen merkt man daran, wie Dirk Hentschel aufblüht, wenn er sich im Hühnerprojekt engagiert. „Dieses Projekt, das ist so herrlich analog“, schwärmt er.

»So ein zu Hause gibt mir Kraft.«
Man bemerkt sein Angekommen-Sein aber auch dann, wenn er darüber berichtet, warum er seine Kurzgeschichte von 2016 nach sieben Jahren Pause hier in Rüdnitz mit einem zweiten Teil versehen hat. „Another day in Paradise 2“ beschreibt den letzten vor-Rüdnitz-Tag und die dortige Ankunft – ebenso lapidar wie bewegend: „Eine Last fiel ab von mir. Schön hier ...“ endet sie.
Für die Zukunft kann er sich vorstellen, einmal seine Erlebnisse als Berufspendler zwischen Brandenburg und Berlin in einer Geschichte darzustellen. Seine Lieblingsschriftsteller: Sebastian Fitzek. Und Hans Fallada. Mit Fallada hat er viele Parallelen im Lebenslauf gemeinsam, mit Fitzek eint ihn das Bemühen, die Gegenwart spannend zu beschreiben. Sein zu Hause hilft ihm dabei.
Text: Andreas Gerlof | Fotos: Raimund Müller
Diese Geschichte einfach gesprochen
Dirk Hentschel war früher kriminell und hat Drogen genommen. Um sich Hilfe zu holen, ist er nach Lobetal gekommen und lebt dort auf dem Christophorus-Hof. Er fühlt sich sehr wohl. Er hat vor 6 Jahren, als er im Gefängnis war, eine Geschichte geschrieben. Den 2. Teil hat er jetzt auf dem Christophorus-Hof geschrieben.
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Der Christophorus-Hof ist ein Betreuungsangebot für Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung, psychischen und komorbiden Störung um sozialtherapeutisch ausgerichtete Elemente.
