Menschennah | Geschichten aus Bethel

Pferde schenken Mut und Lebensfreude

Es riecht nach Heu und frischem Mist. Ein feiner Staub liegt in der Luft und kitzelt in der Nase. Pferde schnauben, Hufe klappern, und ein Kater stolziert durch den Stall des Therapeutischen Reitens in Bethel. Menschen mit Behinderungen, psychosomatisch erkrankte Jugendliche und auch Mädchen und Jungen aus dem Kinder- und Jugendhospiz Bethel kommen zur Therapie. So wie Jonas. Der Elfjährige, der sonst im Rollstuhl sitzt, lehnt sich an seinen Vater und trabt auf dem Rücken von Paul durch die Halle. Paul ist ein geschultes Pferd. Ihn bringt nichts aus der Ruhe. Und diese Ruhe tut Jonas gut.

Gerade erst hat Jonas eine lebensbedrohliche Krise überwunden. „Wir sind direkt vom Krankenhaus ins Kinderhospiz gekommen“, erzählt Moritz Thevissen. Er kennt die Betheler Einrichtung bereits seit vielen Jahren. In dem mit Spenden finanzierten Haus können Familien mit unheilbar erkrankten Kindern für ein paar Wochen zur Ruhe kommen. Die Kinder werden medizinisch betreut, gepflegt und pädagogisch begleitet. Ihre Eltern können einmal die Verantwortung abgeben, ausschlafen oder etwas unternehmen. Für die Familien ist ansonsten jeder Tag eine Herausforderung. Nicht nur die Pflege, die sie oft selbst übernehmen, zerrt an den Nerven. Auch die Angst.

Jonas war kaum ein Jahr alt, als sich die Symptome seiner Krankheit zeigten. Innerhalb von wenigen Wochen konnte er sich kaum mehr bewegen, nicht essen, nicht trinken. Er musste über eine Sonde ernährt werden. Als endlich die Ursache gefunden wurde, lautete die niederschmetternde Diagnose: Aicardi-Goutières-Syndrom. Eine extrem seltene Erbkrankheit. „Damals haben die Ärzte Jonas’ Lebenserwartung auf maximal vier Jahre geschätzt“, erinnert sich Moritz Thevissen. Doch den Mut verlor der Vater nie. „Es gibt für uns die Chance auf Zukunft“, dachte er und hatte Recht.

Aus seinem Kind ist ein mutiger Junge geworden, mit strahlenden, wachen Augen. Ein Junge, der in seinem elektrischen Rolli locker alle Fußgänger abhängt. Der gerne isst, auch wenn er zusätzlich über eine Sonde ernährt werden muss. Der lebensfroh lacht und einen sehr trockenen Humor hat. Wenn er schimpft, dann versteht man Jonas gut. Sonst tippt er auf seinem Talker, einem Gerät, das Symbole in Sprache übersetzt.

Marco Vohmann führt das Pferd mit Jonas und seinem Vater durch die Reithalle.
»Wer auf dem Pferd sitzt, erlebt einen riesigen Perspektivenwechsel. Das macht auch von innen größer und mutiger.«
Marco Vohmann | Therapeutisches Reiten Bethel

Um zu erfahren, wie es Jonas auf dem Rücken von Paul geht, braucht es keine Worte. Mit jeder Runde durch die Reithalle verändern sich seine Gesichtszüge. Aus Skepsis wird Freude. Seine Augen leuchten, und er winkt fröhlich vom Pferd herunter. „In erster Linie geht es darum, dass die Kinder Spaß haben können“, sagt Bethel-Mitarbeiter Marco Vohmann, der Fachmann für die heilpädagogische Förderung mit Pferden ist. Das Reiten sei aber auch gut für das Selbstbewusstsein. „Viele der Kinder sitzen im Rollstuhl und gucken immer nur von unten nach oben. Wer auf dem Pferd sitzt, erlebt einen riesigen Perspektivenwechsel. Das macht auch von innen größer und mutiger.“ Und Mut, den brauchen Jonas und seine Eltern bestimmt.

Text: Heike Lepkojis | Foto: Christian Weische

Diese Geschichte einfach gesprochen

Jonas ist elf Jahre alt. Er sitzt im Rollstuhl. Er hat eine schlimme Krankheit. Sie ist unheilbar. Aber den Lebensmut verliert Jonas nicht. Mit seinem Vater wohnt er manchmal im Kinderhospiz in Bethel. Da wird er gut betreut. Und hat Spaß. Sogar an der Reittherapie nimmt er teil. Das tut ihm sehr gut.

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Anschrift

Bethel.regional
Therapeutisches Reiten
Remterweg 77
33617 Bielefeld

Kontakt

Antje Pyl
Bereichsleiterin

0521 144-4639
therapeutisches.reiten(at)bethel.de

Das Therapeutische Reiten in Bethel gliedert sich in drei fachlichen Schwerpunkte:

  • Heilpädagogische Förderung auf dem Pferd
  • Hippotherapie
  • Gestaltete Freizeit: Reiten als Sport

Hinzu kommen betriebsintegrierte Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen im Reitstall.

Menschennah

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