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Bethel im Nationalsozialismus

Kurz nach der Machtergreifung bringen die Nationalsozialisten die ersten Gesetze auf den Weg, die Bethel und die Menschen, die hier leben, unmittelbar betreffen. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurde 1933 verabschiedet und trat am 1. Januar 1934 in Kraft. Durch den Ausschluss vermeintlich erblich belasteter Personenkreise von der Fortpflanzung sollte ein „gereinigter Volkskörper“ entstehen. Die Sterilisation galt als eine wissenschaftlich fundiert begründete Maßnahme zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Dieses „geringfügige Opfer“ meinte man den Betroffenen zumuten zu können.

In Bethel hatte man zu Euthanasie und Eugenik seit den zwanziger Jahren wiederholt unterschiedlich Stellung bezogen. Eine Einstufung menschlichen Lebens als lebensunwert war aus prinzipiellen christlichen Erwägungen heraus stets abgelehnt, Eugenik hingegen gutgeheißen worden. Auch Anstaltsleiter Fritz von Bodelschwingh stand ihr durchaus aufgeschlossen gegenüber, zum einem als tragbares Zugeständnis an den medizinischen Fortschritt, zum andern als humane Alternative zur „Euthanasie“, die er stets kompromisslos ablehnte. Ab 1934 werden in Betheler Krankenhäusern mindestens 1 176 Menschen zwangssterilisiert. Heute erinnert eine Stele in der Ortschaft Bethel an dieses Unrecht.

Am 1. September 1939 unterzeichnet Adolf Hitler den Euthanasiebefehl und beauftragt seinen Leibarzt Dr. Brandt und Reichsleiter Bouhler mit der Krankentötung. Kurz darauf, im Oktober desselben Jahres, gehen die ersten Meldebögen, in denen Informationen über Anstaltsbewohner abgefragt werden, bei den Anstalten ein. Mitte April 1940 beginnt der Abtransport aus einigen Anstalten. Kurze Zeit darauf erscheinen merkwürdige Todesanzeigen in den Zeitungen. Es ist die Rede von sofortiger Einäscherung der Toten.

Pastor Paul Gerhard Braune, Leiter der Hoffnungstaler Anstalten und Vizepräsident des Zentralausschusses für Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche untersucht diese Todesfälle. Er stellt Unstimmigkeiten fest. So trägt die Urne eines am 10. April Verstorbenen aus Grafeneck z.B. die Nr. A 498. Am 12. Mai trägt die Urne eines anderen Verstorbenen in Grafeneck die Nr. A 1092. Am 28. Juni schon die Nr. A 3111. Die Anstalt Grafeneck zählt aber nur 100 Betten. Pastor Braune und Fritz v. Bodelschwingh werden mit diesen Ergebnissen bei Regierungsstellen vorstellig, erhalten aber keine Resonanz. Daraufhin veröffentlicht Pastor Braune die erzielten Ergebnisse in Form einer Denkschrift. Am 12. August 1940 wird er von der Gestapo verhaftet und in das berüchtigte Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin gebracht, wo er drei Monate in „Schutzhaft“ festgehalten und verhört wird.

Grund für die Festnahme war Braunes Einsatz für Verfolgte, und vor allem sein Kampf gegen die Euthanasie. Nachdem erste Gerüchte über Morde an Patienten aufgekommen waren, recherchierte Pastor Braune und sammelte Beweise für die staatlich verordneten, aber streng geheimen Untaten. Fritz von Bodelschwingh unterstützte ihn dabei. Anfang Juli schickte Paul Braune seine Ergebnisse an Adolf Hitler, Hermann Göring und Justizminister Gürtner und protestiert in einer Denkschrift energisch gegen die Tötung. An den mutigen Einsatz des Lobetaler Anstaltsleiters erinnerte im Sommer 2010 eine Sonderausstellung in der Gedenkstätte „Topografie des Terrors“ in Berlin.

Im Juni 1940 erhält auch Bethel die Meldebögen, mit denen die Bewohnerinnen und Bewohner erfasst werden sollen. Bethel verweigert das Ausfüllen. Im September folgt ein Schreiben des Reichsministeriums des Innern, mit der Aufforderung die jüdischen Anstaltsbewohner zur Verlegung in eine andere Anstalt fertig zu machen. Daraufhin schreibt Bethel deren Familien an, mit der Bitte, ihre Angehörigen abzuholen. Betroffen sind 13 jüdische Bewohner. Sechs werden von ihren Familien nach Hause geholt, sieben kommen in ein Sammellager nach Wunstorf und von dort in eine Tötungsanstalt. Heute erinnern so genannte Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig vor den Einrichtungen, in denen die jüdischen Patienten lebten, an die Opfer.

Bethels Anstaltsleitung stellt fest, dass diejenigen Anstalten, die die Meldebogen nicht ausgefüllt haben, von einer staatlichen Ärztekommission besucht werden, die die Patienten vor Ort untersuchen. Bethel befürchtet ein wahlloses herausgreifen von Patienten. Deshalb beginn man in Bethel die eigenen Bewohner in Kategorien einzuteilen, um die Zahl der Betroffenen möglichst gering zu halten. Ein Kriterium ist dabei die Leistungsfähigkeit der Untersuchten. Im Winter 1941 kommt die Ärztekommission nach Bethel. Die Ergebnisse der Betheler Vorkategorisierung wurden weitgehend übernommen. Bodelschwingh stellt noch einmal seine Einwände gegen die Euthanasie heraus, erzielt aber keine Wirkung. Doch dann wird, im August 1941, die Euthanasie offiziell beendet. Bis zu diesem Zeitpunkt sind – außer den sieben jüdischen Bewohnerinnen und Bewohnern – keine Menschen mit Behinderungen aus Bethel abgeholt worden.

Der Historiker Professor Dr. Hans-Walter Schmuhl fasst die Geschehnisse des Jahres 1941 zusammen: "Westfalen gehörte zu den Gebieten, in denen erst relativ spät die Euthanasiemaßnahmen angelaufen sind, so dass man in Bethel schon sehr genau Bescheid wusste und schon Vorstellungen hatte, wie man sich verhalten konnte. Zum anderen konnte man ganz klar sehen, dass der Abbruch der Massentransporte und der Massenvergasungen im August 1941 gerade rechtzeitig gekommen ist, um größere Verlegungen aus Bethel zu verhindern, die an sich im Februar 1941 schon beschlossene Sache gewesen sind. Man muss davon ausgehen, dass, wenn die Massentransporte weitergelaufen wären, etwa 400 bis 450 von 3000 Bethelpatienten den Tod gefunden hätten. Insofern haben auch glückliche Umstände eine Rolle gespielt." Dennoch muss man davon ausgehen, dass eine bislang unbekannte Anzahl von Bethelpatienten im Rahmen der so genannten "wilden Euthanasie" aus Bethel in andere Anstalten weiterverlegt wurde und von dort in die Zentren der "wilden Euthanasie" geschafft worden ist.

Bis Kriegsende 1945 erfolgen elf Luftangriffe auf Bethel; 25.000 Brandbomben und 70 Sprengbomben fielen. 1.100 Pflegeplätze gingen verloren. Über 100 Häuser wurden getroffen; 15 Häuser wurden völlig zerstört; 58 Tote hatte Bethel durch Luftangriffe zu beklagen; 519 Glieder der Zionsgemeinde sind gefallen oder gestorben. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs richtet Bethel als erste Organisation dieser Art den „Suchdienst Bethel“ ein, in dem bis zu 80 Mitarbeiter arbeiten. Ende 1950 enthält die Kartei drei Millionen Namen.

Im Bethel-Verlag sind einige Publikationen erschienen, die kritisch und offen das Themenfeld Euthanasie und Eugenik behandeln, unter anderem „Spurensuche“ von Anneliese Hochmuth und Lebenslang als minderwertig abgestempelt, herausgeben von Pastor Bernward Wolf. In dem 1997 von Professor Dr. Matthias Benad herausgegebenen Buch über "Friedrich v. Bodelschwingh d. J. und die Betheler Anstalten" befassen sich unter anderem der Historiker Dr. Bernd Walter und Dr. Niels Pörksen, ehemaliger Chefarzt der Psychiatrischen Klinik in Bethel, mit dem Thema Zwangssterilisation. Eine umfangreiche, aber bei weitem nicht vollständige Literatursammlung gibt es hier.

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