Klaudia Nußbaumer nimmt daheim in Bielefeld von Zeit zu Zeit gern ihr dickes blaues Fotoalbum aus dem Bücherschrank, um darin zu blättern. Es zeigt unvergessliche Momente ihres langen Berufslebens, die sich in Afrika und dem Nahen Osten abgespielt haben. Dorthin war die heute 70-Jährige mit der Hilfsorganisation Hammer Forum gereist. Egal ob im Jemen und im Kongo, in Burkina Faso, Tansania und Guinea-Bissau: Bei unzähligen Operationen hat die inzwischen pensionierte OP-Schwester des Evangelischen Klinikums Bethel (EvKB) in den vergangenen Jahren assistiert, meist unter schwierigsten Bedingungen. Ohne sie hätten viele schwerverletzte und schwerkranke Menschen wahrscheinlich nicht überlebt.
„Diese unglaubliche Dankbarkeit der Menschen ist immer wieder berührend, die eigentlich überhaupt keine Chance auf Behandlung haben, weil sie zu arm sind“, blickt Klaudia Nußbaumer zurück. „Die Leute bezahlen zum Beispiel mit einer Tüte Erdnüsse oder einer Mango. Wir haben auch schon mal ein lebendes Huhn als Dank geschenkt bekommen, das dann durch den OP-Raum gackerte.“ Eindrücke wie diese lassen sie bis heute nicht los.

»Ich hatte da Lust drauf und mir gesagt, die Menschen da unten brauchen dich!«
Ohne den Hinweis einer Kollegin vor 17 Jahren wäre es vielleicht nie dazu gekommen. Die hatte Klaudia Nußbaumer ermutigt, sich zu melden, als das Hammer Forum 2009 eine OP-Schwester für einen zweiwöchigen Hilfseinsatz im Jemen suchte; da hatte sie schon mehr als drei Jahrzehnte Berufserfahrung gesammelt. Nach etwas Bedenkzeit sagte sie schließlich entschlossen zu: „Ich hatte da Lust drauf und mir gesagt, die Menschen da unten brauchen dich“!
Für die Reisen ins Ungewisse ließ sich Klaudia Nußbaumer vom Dienst in Bethel freistellen, nahm Urlaub oder baute Überstunden ab. Besonders ein Erlebnis im westafrikanischen Guinea-Bissau fasst die empathische Krankenschwester bis heute zutiefst an:
Dort war ein Kind mit lebensgefährlich hohem Fieber ins Krankenhaus eingeliefert worden, das wahrscheinlich durch einen Insektenstich verursacht wurde. Die Heilungschancen für den Jungen waren schlecht. „Meine dreijährige Enkelin hatte mir vor der Reise einen kleinen Engel mitgegeben und gesagt, den kannst du behalten oder einem Kind geben, das ihn noch mehr braucht“, erzählt sie. Die Krankenschwester gab ihn dem fiebernden Jungen. „Und jedes Mal, wenn der Kleine zum Verbandswechsel in den OP-Saal kam, hatte er den Engel in der Hand.“ Der junge Patient überlebte schließlich. „Das hat mich sehr, sehr berührt.“


Schon in ihrer Kindheit sei ihr ihr klar geworden, dass sie Krankenschwester werden und irgendwann in Afrika arbeiten wollte. Ein Dia-Vortrag der Kirche über Albert Schweitzer habe sie beeindruckt: „Da habe ich gesagt, wenn ich groß bin, gehe ich auch nach Afrika und helfe da auch Kindern. Aber dann hat es doch 60 Jahre gedauert, bis es soweit war“, erzählt sie schmunzelnd. Alles, was dazu nötig war, lernte sie im EvKB, wo sie als OP-Schwester in sämtlichen chirurgischen Abteilungen im Einsatz war. „Dafür bin ich Bethel sehr dankbar, dass ich so hervorragend fortgebildet wurde und auch Job und Familie gut vereinbaren konnte“, sagt sie rückblickend.
Von Bethel kommt die engagierte Helferin mit Herz aber auch in ihrem „Un-Ruhestand“ nicht los. Sie ist dem EvKB treu geblieben und besucht seit sieben Jahren ehrenamtlich als „Grüne Dame“ einmal in der Woche Patientinnen und Patienten in der Unfallchirurgie. Dort erfüllt sie ihnen Wünsche oder stillt Bedürfnisse, was den Pflegekräften im durchgetakteten Pflegealltag kaum möglich ist.
Dazu gehört zum Beispiel, sich viel Zeit für Gespräche zu nehmen, wenn die Patientinnen und Patienten dies möchten. Oder ihnen eine Zeitung oder einen Kaffee zu bringen. „Aber das Reden ist das Wichtigste“, weiß sie. „Der Mensch besteht ja nicht nur als Hüfte oder Magen, sondern das ist ja ein Gesamtpaket. Und viele Patientinnen und Patienten entlastet das ungemein, die freuen sich, vor allem die, die keine Angehörigen haben.“

Die Aufgabe sei erfüllend, berichtet Klaudia Nußbaumer. Sie hofft, auf diese Weise noch lange für Patientinnen und Patienten da sein zu können. Auch für das Hammer Forum ist die Krankenschwester aus Berufung nach wie vor aktiv und arbeitet unter anderem am Facebook- und Instagram-Auftritt der Hilfsorganisation mit.
Für die Zukunft hat sie noch viele weitere Ideen; zum Beispiel, als Lesepatin in Schulen Kindern aus Büchern vorzulesen oder mit älteren Menschen spazieren zu gehen. Denn die Hände in den Schoß zu legen, „das ist einfach nicht meine Sache!“
Text: Jörn Haarmann | Fotos: Barbara Franke
Diese Geschichte einfach gesprochen
Klaudia Nußbaumer hat viele Jahre als OP-Schwester im Evangelischen Klinikum Bethel gearbeitet. Nebenher ist sie mit einer Hilfsorganisation in verschiedene Länder in Afrika und im Nahen Osten gereist, um auch dort den Menschen zu helfen.
