Menschennah | Geschichten aus Bethel

Ein Handwerk mit langer Tradition

Knapp vierhundert Jahre haben ihre Spuren an der alten Bibel hinterlassen: Der Ledereinband ist brüchig, die Bindung lose, Seiten sind eingerissen oder haben Löcher. Mit ruhiger Hand, Leim und Seidenpapier bessert Burkard Goette in Bethels Handwerksbuchbinderei die kaputten Stellen aus. Seit sechs Jahren arbeitet der 54-Jährige in der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen in Bielefeld. „Man muss sehr konzentriert bei der Sache sein und Geduld mitbringen“, sagt er. „Und ein bisschen handwerkliches Geschick gehört auch dazu.“

Damit die alte Bibel noch viele weitere Jahre überdauert, wird sie im Auftrag eines Kunden in der Handwerksbuchbinderei restauriert. Das hat in Bethel eine lange Tradition: Die Werkstatt gibt es schon seit mehr als 140 Jahren. Neben klassischen Bindearbeiten gehört seit 1967 auch die Restaurierung von Büchern und Dokumenten zum Angebot. Manche Kunden bringen ihre kostbaren Einzelstücke; Archive von Landeskirchen oder Kommunen senden mitunter auch kistenweise Bestände zur Aufarbeitung.

„Irgendwer muss sich um die alten Bücher kümmern. Denn ein altes Buch erzählt immer auch eine Geschichte“, sagt Burkard Goette. Er ist einer von derzeit 28 Beschäftigten – meist mit psychischen Beeinträchtigungen –, die in der Handwerksbuchbinderei arbeiten. Wegen einer Depression und einem Burnout kann der promovierte Chemiker derzeit nicht auf dem regulären Arbeitsmarkt tätig sein. „Aber ich bin froh, wenn ich Aufgaben eigenständig erledigen kann“, betont er. „Und wenn man etwas schafft, das man sich vorgenommen hat, ist das ein schönes Gefühl.“

Um ein altes Buch zu restaurieren, löst Burkard Goette zunächst die Seiten aus und nummeriert sie durch. Dann folgt das Großreinemachen: „Dabei putzen wir Seite für Seite mit einem Mikrofasertuch ab und entfernen vorsichtig den Staub.“ Beim anschließenden Ausbessern ist Fingerspitzengefühl gefragt: Löcher werden verschlossen, stark abgenutzte Stellen verstärkt. „Man sollte so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig restaurieren“, erklärt Burkard Goette. Die fertigen Papierbogen kommen zum Trocknen auf einen speziellen Wagen. Mit Nadel und Faden werden die Seiten neu zusammengeheftet. Zum Schluss erhalten sie, wenn möglich, ihren alten, aufgearbeiteten Einband zurück.

Burkard Goette arbeitet konzentriert an seinem Schreibtisch.
»Ich möchte noch was aus meinem Leben machen. Und ich habe das Gefühl, dass ich auf einem guten Weg bin.«
Burkard Goette

Die Tagesstruktur in der Handwerksbuchbinderei tut Burkard Goette gut: „Die Arbeit macht mir Spaß, und es geht mir jetzt viel besser als zu der Zeit, in der ich nicht gearbeitet habe.“ Sein langfristiges Ziel sei nun die Rückkehr auf den ersten Arbeitsmarkt. „Ich möchte noch was aus meinem Leben machen“, sagt der 54-Jährige. „Und ich habe das Gefühl, dass ich auf einem guten Weg bin.“

Text: Marten Siegmann | Foto: Thomas Richter

Diese Geschichte einfach gesprochen

In Bethels Handwerksbuchbinderei repariert Burkard Goette alte Bücher und Dokumente. Mit Leim und Spezialpapier bessert er jede einzelne Seite aus. Manche Bücher sind mehrere Hundert Jahre alt, zum Beispiel alte Bibeln. Burkhard Goette gefällt die Arbeit. Er ist froh, trotz seiner psychischen Erkrankung selbstständig arbeiten zu können.

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Über das Angebot

proWerk
Handwerksbuchbinderei/Papierrestaurierung
 

Haller Weg 47
33617 Bielefeld

+49 521 144 6290

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Angebote & Leistungen

Alte Bücher, Urkunden und Dokumente werden mit Fachkenntnis, Sorgfalt und den entsprechenden technischen Hilfsmitteln restauriert mit dem Ziel, den ursprünglichen Zustand und Charakter zu erhalten. Außerdem werden Einzelanfertigungen, wie Fotoalben, Pappbände, Leder- und Pergamentbände, aber auch Mappen, Kassetten und Schatullen angeboten.

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