Menschennah | Geschichten aus Bethel

Weihnachten zu Hause: Abschied aus dem Hospiz

Im Sommer 2021 hat Heidemarie Riede-Balcer ein Zimmer im Hospiz Villa Auguste in Leipzig bezogen. Unheilbar kranke Menschen wie sie sind dort normalerweise für zwei bis drei Wochen zu Gast, ehe sie sterben. Heidemarie Riede-Balcer aber lebt auch gut vier Monate nach ihrer Ankunft. Es wäre zwar übertrieben zu behaupten, sie sei quietschfidel; von der Leukämie, die sie seit beinahe 25 Jahren hat, ist die zierliche 77-Jährige sichtlich gezeichnet. Doch sie fühlt sich inzwischen wieder so stabil, dass sie in der Woche vor dem ersten Advent eine außergewöhnliche Entscheidung traf.

Heidemarie Riede-Balcer verließ das Hospiz und kehrte heim. Aufrecht gehend. Denn die Advents- und Weihnachtszeit möchte sie zu Hause mit ihrem Mann verbringen. „Ich weiß, wie krank ich bin, ich mache mir nichts vor“, sagt sie. „Es ist zu Hause nur ein Intermezzo. Aber das möchte ich jetzt gern in Anspruch nehmen.“

Einen Abschied wie den von Heidemarie Riede-Balcer erleben sie in der Villa Auguste äußerst selten. Hospizleiterin Schwester Beatrix Lewe kann sich an nur einen vergleichbaren Fall in den 20 Jahren seit der Eröffnung des Hauses erinnern. In der Einrichtung, die von Bethel und sieben weiteren Gesellschaftern getragen wird, werden jährlich rund 200 sterbende Menschen palliativ versorgt. „Man hat mir gesagt, ich sei ein medizinisches Wunder“, erzählt Heidemarie Riede-Balcer und lacht.

Bevor sie in das Hospiz in der Nähe des Leipziger Völkerschlachtdenkmals kam, wurde die Markkleebergerin zu Hause vom Brückenteam der Villa Auguste betreut. Die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung kümmert sich jährlich um rund 600 sterbende Menschen. Neben zwei fest angestellten und sechs auf Honorarbasis beschäftigten Ärzten in Rufbereitschaft gehören acht Palliativ-Pflegekräfte dem Brückenteam an. 

»Es ist zu Hause nur ein Intermezzo. Aber das möchte ich jetzt gern in Anspruch nehmen.«
Heidemarie Riede-Balcer

Als es ihr immer schlechter ging, zog Heidemarie Riede-Balcer in die Villa Auguste um. „Dreivierteltot war ich da“, erzählt sie. Doch sie stabilisierte sich – dank der exzellenten multiprofessionellen Versorgung und ihrer eisernen Disziplin. So schwer es ihr auch fiel: Heidemarie Riede-Balcer quälte sich Tag für Tag aus dem Bett, um sich selbst zu waschen und im Haus ein paar Schritte mit dem Rollator zu gehen. In der Villa fühlte sie sich bestens unterstützt. „Das Personal ist einfühlsam, respektvoll und umsichtig“, sagt sie und nennt ein kleines Beispiel: „Ich wollte es nicht sehen, wenn der Bestatter im Haus ist, denn das tut mir nicht gut. Deshalb habe ich die Schwestern gebeten, dass ich rechtzeitig gewarnt werde. Das ist jedes Mal geschehen.“

Inzwischen benötigt Heidemarie Riede-Balcer keine Unterstützung mehr. „Die Schwestern brachten mir das Essen, aber ansonsten gab es für sie bei mir nichts zu tun“, verdeutlicht sie. Jetzt hält das Brückenteam wieder den Kontakt zu ihr. „Es sind in den 18 Wochen, die ich dort verbracht habe, Freundschaften entstanden. Und es ist im Haus sehr angenehm“, sagt Heidemarie Riede-Balcer zum Abschied. „Aber zu Hause ist nun mal zu Hause.“

Text: Philipp Kreutzer | Fotos: Christian Weische

Diese Geschichte einfach gesprochen

Heidemarie Riede-Balcer ist 77 und unheilbar krank. Sie hat Leukämie. 18 Wochen hat sie im Bethel-Hospiz in Leipzig verbracht. Ende November 2021 kehrte sie nach Hause zurück. Denn die Weihnachtszeit möchte sie dort mit ihrem Mann verbringen. So einen ungewöhnlichen Abschied hat es im Leipziger Hospiz in 20 Jahren zuvor erst einmal gegeben.

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Kontakt

Hospiz Villa Auguste Leipzig
Kommandant-Prendel-Allee 106
04299 Leipzig

0341 86 31 830

Zur Website der Einrichtung

Angebote & Leistungen

Leben bis zum Schluss beziehungsweise "Leben im Sterben" ist im Hospiz Villa Auguste gelebter Alltag, wo alle Bewohnerinnen und Bewohner mit besonderer Achtsamkeit Begleitung erfahren und ganz nach ihren individuellen physischen, psychischen, sozialen und seelsorgerischen Bedürfnissen betreut werden.

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